Mittwoch, 21 August 2019

Jenseitskontakte oder schlicht Lebkuchenherz

 

von Silke Wagner

Jenseitskontakte sind dank meiner Kolleginnen und Kollegen Pascal Voggenhuber, Paul Meek oder Kim Anne Jannes bedeutend salonfähiger als noch vor zwanzig Jahren. Trotzdem gelten jene, die Sitzungen geben, oftmals noch als Exoten.

Ich erinnere mich, als meine Tochter in den Kindergarten kam. Zwangsläufig war bei der ersten Veranstaltung mit anschließend geselliger Runde irgendwann das Thema dran: „Was machst du so beruflich?“ Antworten sie dann mal locker: „Ich bin Medium und mache auch gerne Jenseitskontakte…“

Das ist genau der Moment, wo sie die gesellige Runde spalten. Die einen lächeln süßsauer und schauen, dass sie so schnell Abstand zwischen uns bringen, wie es der gute Geschmack gerade noch erlaubt; die anderen rücken unwillkürlich näher und wollen gerne mehr wissen, am liebsten noch beim gemeinsamen Glühwein einen Beweis aus der jenseitigen Welt. Beides ist nicht wirklich prickelnd. Hand aufs Herz: Zu welcher Kategorie gehören sie, lieber Leser?

Stellt man aber einmal im Umkehrschluss die Frage, wer schon einen geliebten Menschen verloren und hin und wieder gespürt hat, dass diese Person trotzdem noch „irgendwie“ da ist, werden viele schon nachdenklicher.

Ich halte mich in solchen Runden immer sehr bedeckt, da ich mich ungern für meine Arbeit rechtfertigen möchte. Komisch, einen Chirurgen würde keiner fragen, ob er ein wenig pervers ist, da er quasi der Metzger unter den Ärzten ist (Verzeihung liebe Chirurgen, manchmal ist etwas Ironie notwendig!).

Kein Berufsbild auf dieser Welt löst so viele Diskussionen aus wie Medium sein. Trotzdem liebe ich diesen Beruf und genieße jeden Moment. „Warum ausgerechnet Jenseitskontakte“ ist auch so eine Frage, die mir häufig gestellt wird. Ich möchte, anstatt große Antworten auf diese Fragen zu suchen, eine Geschichte aus meiner Praxis erzählen, die mich fünf Jahre später noch bewegt.

Irgendwann klingelte das Telefon und eine aufgeregte Anruferin sagte: „Frau Wagner, ich habe gerade von ihnen gehört und ich“ … schluchzen … die Anruferin brauchte einen Moment, um sich zu sammeln. „Ich brauche dringend einen Termin“!

Diesen Satz höre ich sehr oft, er ändert auch nichts an meiner Warteliste aber irgendetwas in mir spürte, dass hier wirklich echte Not durchklang.
Zumal ich wirklich schwer telefonisch zu erreichen bin, und sie hatte mich sofort am Apparat. Ich höre auf meine Intuition, und so machte ich relativ schnell einen Termin möglich. Umso erstaunter war ich, als ich die Dame beim Termin sah. Sie zerrte einen Mann regelrecht hinter sich her und sagte dann: „Hier sind wir“, und sah mich erwartungsvoll an. Oh nein, was war denn hier los?

Der Mann schaute mir nicht in die Augen, seine Ablehnung war körperlich spürbar und dass er nicht freiwillig bei mir war, offensichtlich. Innerlich seufzte ich, begrüßte die beiden und wollte gerade ansetzen, dass dieser Termin wohl besser nicht stattfindet, als ich einen kleinen, ca. fünfjährigen verstorbenen Jungen wahrnehmen konnte. „Mein Papa hat keine Schuld! Er muss das wissen“ signalisierte er mir. Okay, ich atmete durch und bat die beiden, Platz zu nehmen. Ich suchte den Blickkontakt mit dem Mann, er schaute gelangweilt auf den Boden. „Dein Sohn ist hier - er möchte, dass du weißt, dass du keine Schuld hast. Er zeigt mir einen Fußball, trägt ein Trikot von Borussia Dortmund und hat blonde, längere Haare. Kannst du damit etwas anfangen?“

Die Frau in meiner Praxis begann sofort zu weinen, der Vater schaute mich kurz an, um dann zu seiner Frau zu sagen: „Hast Du toll organisiert, alles abgesprochen.“

Der verstorbene Junge gab mir sofort zu verstehen, dass ich weiterreden sollte, es wäre so wichtig für seine gesamte Familie.

„Dein Sohn möchte dir ausdrücklich sagen, dass seine Brüder dich brauchen und dass seine Schwester gesehen werden möchte. Er betont immer wieder, dass du für seinen Tod nichts kannst, er war schon nicht mehr am Leben, als er ins Wasser fiel.“ Der Junge plapperte an einem Stück und ich gab alles an den Vater weiter. Dieser saß vor mir, die Miene vollkommen verschlossen, irgendwie konnte ich nicht zu ihm durchdringen. Seine Frau weinte leise vor sich hin, nickte bei allem und bat ihren Mann immer wieder: „Hör doch wenigstens zu!“ Der Junge wurde immer deutlicher. Am Kühlschrank zu Hause hängt noch mein letztes Bild, das ich gemalt habe. Eine gelbe Blume, ein Fußball, IHDL und Finn. Das Bild habe ich für Papa gemalt, und Max (der ältere Bruder) hat mir IHDL und Finn beigebracht. Das sind die einzigen zwei Wörter, die ich bis zu meinem Tod schreiben konnte, und beide stehen auf dem Blatt und auf meinem Grabstein.
Es kamen viele Beispiele, doch egal was ich sagte, ich konnte den Vater nicht erreichen. Ich hörte auf den Jungen und stoppte meine Aussagen nicht, ließ den Jenseitskontakt einfach laufen. Und dann kam der Moment, der alles veränderte und mich schockiert zurück ließ: „Finn zeigt mir jetzt ein Lebkuchenherz und eine Kerze“.
Der Vater sprang auf. „Ha! Damit kann ich gar nichts anfangen. Ich wusste es! Alles Lüge. Das gab es bei uns nie. Lebkuchenherzen!!!“ Schneller als der Wind nahm er seine Jacke und rannte förmlich hinaus. Seine Frau blickte mich entschuldigend an und rannte hinterher. Ich blieb alleine zurück. Entsetzt, gelähmt und völlig durcheinander. Der verstorbene Junge schaute mich an und strahlte: „Wir haben gewonnen! Juhu, Papa wird wiederkommen“ - und weg war er.

Na prima, was für ein Schlamassel. Fassungslos ließ ich diese Stunde immer wieder im Kopf Revue passieren, fragte mich ständig, was ich hätte besser machen können.

Eine Woche später, es war Weihnachtszeit, ging ich mit meinem Mann und meiner Tochter auf den Weihnachtsmarkt direkt vor unserer Haustür. Unsere Kleine fuhr gerade Karussell, wir schauten ihr zu, als jemand meinen Namen rief. Ich drehte mich um und zuckte zusammen, stand doch die Mutter des kleinen Finn vor mir. Sie weinte und lachte zugleich, umarmte mich und sagte, dass sie gerade von meinem Lädchen käme und etwas für mich abgegeben hätte. Sie habe gehofft mich zu sehen und zeigte auf ihren Mann, der mit einem kleinen Mädchen an der Hand abseits stand. Er winkte, kam zögernd auf mich zu und drückte meine Hand. Tränen rollten über sein Gesicht. Es kam, wie es kommen musste, wir gingen gemeinsam in meinen Laden, die Mädchen spielten zusammen, und der Vater, nennen wir ihn hier einmal Georg, erzählte mir die ganze Geschichte:
Georg flog mit seiner Frau Jutta und den drei Söhnen nach Ägypten. Was damals noch keiner ahnte: Jutta war wieder schwanger. Am letzten Urlaubstag spielten die Kinder mit Georg in Poolnähe mit dem Ball. Jutta ging ins Hotelzimmer, um für Finn einen Bademantel zu holen.
Der Ball sauste zwischen den Spielern hin und her. Da passierte es: Georg zielte auf Finn, der Ball war zu hoch. Finn bemühte sich, den Ball zu fangen, rutschte aus und flog direkt mit dem Genick auf den Beckenrand und prallte ab ins Wasser. Sofort zog Georg seinen Sohn aus dem Wasser. Finn atmete nicht mehr, sofort startete der Vater die Herz-Lungen-Massage. Von da an ging alles rasend schnell. Der Arzt auf dem Hotelgelände war gerade nicht erreichbar, der Krankenwagen ließ auf sich warten. Jutta kam hinzu und musste mit ansehen, wie eine fremde Frau gemeinsam mit ihrem Mann versuchte, ihren Sohn ins Leben zurückzuholen. Eine beherzte Familie brachte die Geschwister weg. Wie dann alles weitere geschah, wissen die Eltern nur noch bruchstückhaft.

Sie fanden sich mit Finn im Taxi wieder, lösten sich auf der Rückbank mit ihren Wiederbelebungsversuchen ab, und das Taxi raste ins Krankenhaus. Leider vergeblich. Finns Organe wurden zwar durch eine Maschine am Leben erhalten, die Eltern beteten, doch die Ärzte nahmen ihnen jede Hoffnung. Finn wurde mit  dem ADAC nach Heidelberg ausgeflogen, die Organe wurden am Leben erhalten. Die Eltern erlebten alles wie in einem schlechten Film.

In Deutschland standen sie am Bett ihres Sohnes und wurden gebeten, die Organe zu spenden. Der Schock, das Unfassbare hatte ihr bisheriges Leben mit einem Schlag ausgelöscht. Finn war tot.

Jeder in der Familie trauerte anders, Jutta bemerkte kurz darauf, dass sie wieder schwanger war. Jutta und die Kinder gingen offen mit ihrer Trauer um, suchten Hilfe. Georg nicht. Er zog sich mehr und mehr zurück. Sprach kaum, nahm nicht mehr am Familienleben teil, ignorierte die Schwangerschaft seiner Frau und gab sich die Schuld an Finns Tod. Als seine Tochter geboren wurde, hatte er keinen Blick für sie übrig.
Jutta sagt heute mit Blick zurück, Paula kämpfte vom ersten Moment um die Aufmerksamkeit ihres Vaters. Vergeblich.

Die langersehnte Tochter war nur für Jutta und die Kinder ein Lichtstreifen am Horizont. Georg weigerte sich, Hilfe anzunehmen. Er bestrafte sich auf seine Weise für diesen Ballwurf, den er sich zum Vorwurf machte. Zu mir kamen die beiden damals, weil Jutta ihrem Mann das Messer auf die Brust setzte und von Scheidung sprach.

Nach der Stunde bei mir, die sie flüchtend beendet hatten, holten sie gemeinsam die inzwischen dreijährige Paula vom Kindergarten ab. Und da geschah es: Das kleine Wunder, das weder ich als Jenseitsmedium noch die Eltern vorher zu deuten wussten. Aber Finn hatte genau gewusst, was er mit Lebkuchen und Kerze bezweckte. Paula erblickte ihre Eltern, rannte auf sie zu und hielt etwas hinter ihrem Rücken versteckt. Sie ignorierte ihre Mutter, stand vor ihrem Vater und sagte vorsichtig: „Für Dich Papa!“ und drückte ihm etwas in die Hand. Es war tatsächlich ein kleines Lebkuchenherz mit einer Keks-Kerze drauf, welche die Kinder an diesem Tag im Kindergarten gezaubert hatten.

Da brachen alle Dämme, Finn hatte genau gewusst, was seine Schwester machen wird und es als deutliches Zeichen an seinen Vater gesendet. Eine Schwester, die er nie kennengerlernt hatte. Georgs Prozess zurück ins Leben dauerte noch einige Zeit.
Er nahm professionelle Trauerarbeit in Anspruch, war endlich bereit dazu, wieder am Leben der Familie teilzunehmen und ja, eine Sitzung bei mir gab es lange Zeit später auch noch einmal.

Warum ich diese Geschichte hier erzähle?
Weil ich finde, sie ist der beste Grund, um zu verstehen, warum es Jenseitsmedien gibt. Wir leisten einen kleinen Beitrag bei der Trauerarbeit, sind Brücke, wenn Menschen sich nicht noch einmal vor dem Tod verabschieden konnten, und nehmen den Menschen oft die Angst vor dem Tod. Genau deswegen machen wir unseren Job. Und wir beweisen täglich, dass die Verstorbenen auf uns aufpassen.

Bitte genießen sie jede Minute ihres Lebens, gemeinsame Zeit ist kostbar.

Herzlichst,
Ihre Silke Wagner

 

 

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